Nachruf Prof. Dr. habil. Dr. h.c. Harald Thomasius (1929 – 2017)

Nach kurzer, schwerer Krankheit musste Prof. Harald Thomasius am 24. November sein unermüdliches fruchtbares Schaffen für den Wald beenden. Zeitlebens ist ihm die wissenschaftliche Arbeit Bedürfnis und Befriedigung gewesen. So konnte er dank dieses Lebenselixiers noch bis in das hohe Alter viele interessante forstliche Themen bearbeiten und fachliche Ratschläge erteilen.

In unserer Arbeitsgemeinschaft hinterließ Prof. Thomasius auf vielfältige Weise seine Spuren. Markant war schon sein Auftreten als Gründungsmitglied der Landesgruppe Sachsen 1992 in Moritzburg. Damit zählte er zu den wenigen Forstwissenschaftlern, die sich damals öffentlich zu einer naturgemäßen Wirtschaftsweise im Wald bekannt haben. In der Folgezeit erschienen dann eine Reihe von Vorträgen und Publikationen, die der ANW, besonders den jungen Mitgliedern, als theoretisches Rüstzeug dienen und zur Herausbildung eines fundierten Standpunktes beitragen können. Zu nennen seien hier nur einige Arbeiten, die dies explizit bestätigen. Beispielhaft sollen angeführt werden: „Naturgemäße Waldwirtschaft in Sachsen – gestern, heute und in Zukunft“ (Dauerwald Nr.6, 1992), „Die Grundlagen eines ökologisch orientierten Waldbaus“ (Dauerwald Nr.7, 1992), “Geschichte, Anliegen und Wege des Waldumbaus in Sachsen“ (1995), „Geschichte, Theorie und Praxis des Dauerwaldes“ (ANW Sachsen-Anhalt, 1996), „Wandel und Wege des Waldbaus“ (2000), „50 Jahre ANW in Deutschland“ Teil 1-3 (Dauerwald Nr. 23 u. 24, 2000). Die letztgenannte Arbeit war Inhalt des umfangreichen Festvortrages, den er anlässlich der Jubiläumstagung zur 50. Wiederkehr der ANW-Gründung im Oktober 2000 in Wernesgrün (Sachsen) gehalten hat.

Auf gleiche Weise war Prof. Thomasius bestrebt, eine Brücke aus der Ideenwelt der forstlichen Klassiker mit ihrem progressiven Gedankengut in die heutige Zeit zu schlagen. Besonders mit Heinrich Cotta und seinem Wirken in Thüringen und Sachsen befasste er sich mehrfach intensiv (1985, 1986, 1991, 1994, 1997, 1999, 2003). Beachtenswert war auch die Würdigung seiner einstigen Lehrer und Vorgänger am Tharandter Lehrstuhl für Waldbau, Prof. Anton Heger (1887 – 1964) und Prof. Johannes Blanckmeister (1898 – 1982), die sich zusammen mit Hermann Krutzsch (1886 – 1952) große Verdienste bei der Herausbildung der „Vorratspfleglichen Waldwirtschaft“ in Ostdeutschland erworben haben (Blanckmeister – Ehrung 1999, Leben und Werk A. Heger,1999, ANW- Sachsen). In gleicher Weise sind die von Prof. Thomasius in jüngster Zeit erschienenen Arbeiten zu Hannss Carl v. Carlowitz (1645 – 1714) und dem Nachhaltsprinzip einzuordnen. Besonders anerkennenswert ist, dass er sich in dem hohen Alter noch der Mühe unterzogen hat, für die „Silvicultura oeconomica“ von Carlowitz (1713) eine Transkription in das Deutsch der Gegenwart vorzunehmen (Thomasius u. Bendix, 2013).

Prof. Thomasius wirkte aber nicht nur durch hochkarätige Vorträge und anspruchsvolle Publikationen im Sinne der ANW. Für ihn war es immer ein Bedürfnis, sich aktiv bei Fachexkursionen mit den Kollegen aus der Praxis auszutauschen. Hier konnte er aus seinem umfangreichen, regional und historisch oft sehr detaillierten Wissen schöpfen. So worden viele Diskussionen durch seine zwischen Theorie und Praxis vermittelnden Beiträge bereichert.

Zudem repräsentierte er des Öfteren die ANW gemeinsam mit Prof. H.-J. Otto und Dr. H. Wobst bei den Tagungen von Pro Silva – Europa. Anlässlich seines 75. Geburtstages erhielt Prof. Harald Thomasius in Anerkennung seiner Verdienste die Ehrenmitgliedschaft der ANW-Landesgruppe Sachsen.

Bei allen Sympathien für das Anliegen unserer Arbeitsgemeinschaft hat er sich aber auch kritischer Worte zu bestimmten Problemen nicht enthalten. Dies betraf vor allem die häufig vorgefundene Reserviertheit gegenüber der Wissenschaft, die sorglose Verwendung unpräziser Fachtermini sowie das Fehlen langjähriger Versuche und damit auch einer Argumentation, die oft einer exakten Beweisführung entbehrte.

Weitere große Leistungen für unseren Wald erbrachte Prof. Thomasius in der Heranbildung eines qualifizierten forstlichen Leitungsnachwuchses. Über 1000 junge Studierende, mehr als eine ganze Generation von Förstern, haben seine Lehren zum Aufbau und der Pflege der Wälder verinnerlicht und in das eigene Wirken übernommen. Viele von ihnen bekleiden heute wichtige Funktionen. Hinzu kam die Betreuung von 130 Diplomarbeiten mit hohem fachlichem Niveau, deren Ergebnisse oft sofort in die Praxis überführt werden konnten. Mit den 32 ebenfalls von ihm betreuten Dissertationen sind wichtige Grundlagen zur Weiterentwicklung der Waldbaudisziplin und zur Verbesserung der waldbaulichen Technologien bei der Natur- und Kunstverjüngung sowie in der Bestandespflege geschaffen worden. An Stelle eines dringend benötigten Waldbaulehrbuches, wofür es aber damals kein Papierkontingent gab, sind unter seiner Redaktion 10 Lehrbriefe erarbeitet worden, die das Studium wesentlich erleichtern halfen. Zu einer umfassenden fachlichen Ausbildung der Studenten gehörte bei Prof. Thomasius die praktische Anschauung am Objekt. Hierzu dienten spezielle Übungen und Praktika im Walde sowie zwei mehrwöchige Komplex- und viele Tagesexkursionen, welche zumeist von ihm persönlich begleitet wurden.

Neben der Waldbauspezifik, die er gern mit mathematischen Methoden zu untermauern versuchte, hat Prof. Thomasius auch auf Randgebieten, wie der Sanierung immissionsgeschädigter Wälder oder der Rekultivierung von Bergbaufolgelandschaften, gearbeitet. Im letzten Lebensjahrzehnt wandte er sich dann mehr forstgeschichtlichen Themen zu, die ihn förmlich begeistert haben. Am besten werden die Dimensionen seines Schaffens an den über 300 sehr anspruchsvollen Publikationen in Büchern und der Fachpresse sichtbar. Das unter seiner Leitung schon 1973 erschienene Buch „Wald, Landeskultur und Gesellschaft“ war der Versuch, unseren Wald einmal in seiner ganzen Komplexität darzustellen. Es ist heute noch lesenswert.

Prof. Thomasius war ein im In- und Ausland geschätzter Waldbauexperte. Dies kam auch durch zahlreiche Funktionen in Fachgremien (z. B. IUFRO – Sherman, Arbeitsgruppe Behandlung junger Waldbestände) und vielen Ehrungen (z. B. Ehrendoktorwürde der Universität Sopron) zum Ausdruck. In einigen tropischen Ländern, besonders in Vietnam, hat er mehrmals forstliche Entwicklungshilfe geleistet.

Das uns heute gigantisch anmutende Lebenswerk des Verstorbenen ist nur mit überdurchschnittlichem Fleiß und Zielstrebigkeit, bei Zurückstellung vieler persönlicher Belange und der Familie möglich geworden. Für seine berufliche Entwicklung bildete die noch vor Kriegsende begonnene Ausbildung zum Waldarbeiter im Fürstlich Schönburgischen Forstamt Oberwald (Westsachsen) mit der 1947 nachfolgenden Übernahme in das Forstamt Glauchau als Anwärter für den gehobenen Forstdienst eine solide Basis. Dank auffallend guter Leistungen wurde Thomasius schon 1948 an die Forstfachschule Tharandt delegiert, wo sein Berufsethos vor allem von Prof. Anton Heger geprägt worden ist. Nach dem Studium erfolgte sein Einsatz als „Förster in Vorbereitung“ im Sächsischen Forstamt Wermsdorf. Bereits in dieser Zeit wurde er neben dem Revierdienst mit Aus- und Weiterbildungsmaßnahmen für Praktiker beauftragt. Selbst nahm er an Lehrgängen zur damals neu eingeführten forstlichen Standortskartierung teil. Folgerichtig wurde er dann als Standortserkunder in mehreren nordsächsischen Revieren tätig. Dem schloss sich von 1954 – 58 ein Studium an der Forstlichen Fakultät der damaligen Technischen Hochschule Dresden in Tharandt an. Nach sehr erfolgreichem Diplom arbeitete er als Assistent am Institut für Bodenkunde und Standortslehre, wo er 1963 promoviert hat. 1967 folgte dann die Habilitation, aber schon im Jahr zuvor, nach der Emeritierung von Prof. Blanckmeister, ist Harald Thomasius als Dozent an den Tharandter Waldbaulehrstuhl berufen worden. Diesen Lehrstuhl hat er dann in kürzester Zeit völlig neu konzipiert und in 27 Amtsjahren nachhaltig geprägt. Charakteristisch dafür war von Anbeginn die enge Verknüpfung von neuesten Erkenntnissen aus der Standorts- und Vegetationskunde mit dem Waldbau. Nach seinem Weggang von der Universität 1992, schlossen sich die oben schon skizzierten Arbeitsphasen an.

Weitere Details finden sich in der Autobiographie „Aus meinem Berufsleben“ (ANW-Sachsen / Sächs. Forstverein, 2009).

Die hier sehr knapp gefasste Vita konnte nur schemenhaft die zielstrebige, geradlinige Entwicklung eines bedeutenden Forstwissenschaftlers unserer Zeit zeigen. Seien wir dankbar ihn erlebt zu haben und lassen wir seine Impulse in unserer Arbeitsgemeinschaft fortleben!

Martin Hartig,Tharandt

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