Grundsätze der ANW-Sachsen

Naturgemäße Waldwirtschaft in Sachsen

Die ANW ist eine Vereinigung von Forstleuten und Vertretern aller Waldbesitzarten, die sich zu den nachstehend genannten Prinzipien der Waldwirtschaft bekennen.

Grundanliegen der von der ANW Sachsen vertretenen Waldbaurichtung ist die strikte Beachtung ökologischer Gesetzmäßigkeiten und die bestmögliche Ausnutzung natürlicher Kräfte bei der nach rationalen Zielvorgaben erfolgenden Waldwirtschaft. Dabei wird

der Wald als wesentlicher Bestandteil der Landwirtschaft und als Ökosystem aufgefaßt, das bei weitgehender Beachtung der Naturbedingungen sowie Nutzung der natürlichen Faktoren so zu gestalten ist, daß seine gesellschaftlich relevanten Funktionen (effektive Rohstoffproduktion, Schutzwirkungen und Erholungseignung) nachhaltig erfüllt werden.

Diese Art der forstlichen Einflußnahme auf den Wald soll schrittweise von den verschiedenen Systemen des Altersklassenwaldes weg- und zu naturnahen Waldstrukturen (Dauerwald) hinführen. Auf diese Weise sollen stabile Wälder entstehen, die sich in einem ökologisch und ökonomisch günstigen Zustand befinden.

Ziele sind, je nach Standort, potentieller natürlicher Waldgesellschaft und Waldfunktion -unterschiedlich strukturierte, meist ungleichaltrige, vertikal gegliederte, horstgruppen-, trupp- oder einzelbaumweise gemischte Bestände. Es sollen keine Alters- oder Raumstrukturen erzwungen werden, die auf dem betreffenden Standort oder in dem gegebenen Entwicklungsstadium naturwidrig sind.

Der Waldumbau in Sachsen erfordert wegen der gegenwärtigen Vorherrschaft des Altersklassenwaldes eine den jeweiligen Bedingungen angepaßte Vorgehensweise. Er dient letztlich dem Ziel, ökologisch stabile und ökonomisch effektive Betriebe zu schaffen.

Der Waldumbau in Sachsen erfordert lange Zeiträume und die Tätigkeit mehrerer Generationen von Forstleuten. Von der heutigen Generation müssen die Initiativen zum Waldumbau ausgehen, die folgenden müssen den Waldumbau fortsetzen und vollenden. Die Geschichte lehrt, daß Ungeduld und Schematismus der Dauerwaldidee nur schaden und deren Ziel gefährden kann.

Der Waldumbau in Sachsen erfolgt auf unterschiedlichen Wegen, jedoch unter prinzipiellen Verzicht auf Kahlschläge. Dabei wird berücksichtigt, daß der Wald von heute überwiegend aus gleichaltrigen und nach Ordnungsprinzipien des schlagweisen Hochwaldes gegliederten Wald beständen besteht. Die vorhandenen Raum- und Zeitstrukturen werden beim Waldumbau genutzt. Deckungsschutz und Saumverjüngung spielen darum in der Anfangsphase des Waldumbaus noch eine bedeutungsvolle Rolle. Trotzdem ist die Abkehr von der mechanischen Raum- und Zeitordnung des Altersklassenwaldes erklärtes Ziel der ANW. Dabei sind Zwischenziele zu formulieren und Rangfolgen festzulegen.

Die Standortvielfalt Sachsens, die unterschiedliche Beeinflussung der sächsischen Wälder durch ihre bisherige Bewirtschaftung sowie Fremdstoffeinträge und andere Umweltbelastungen erfordern Flexibilität und differenzierte Waldbauverfahren.

Dabei zeichnen sich 3 Grundvarianten ab:

  1. Naturnahe Bestockungen werden sofort einzelbaumweise nach den Prinzipien der Auslesedurchforstung und Zielstärkenutzung behandelt.
  2. Standortgemäße oder stabile Stangen – und Baumhölzer unterliegen einer mittelfristigen Überführung durch Strukturverbesserung. Mittels Naturverjüngung bzw. künstlicher Einbringung weiterer Baumarten sollen die vielfältigsten Möglichkeiten zum Aufbau von Mischbeständen genutzt werden. Dabei sind schematische Hiebe und Auflichtungen zu unterlassen.
  3. Langfristige Überführungsmaßnahmen sind dort erforderlich, wo eine standortgemäße Folgegeneration erst geschaffen werden muß.

Dort, wo Waldschädigungen (z.B. Immissions-, Schnee- und Sturmschäden) zu grösseren Freiflächen und Blößen geführt haben, wird die Sukzession, die häufig zur Ausbildung einfach strukturierter Pionierwälder führt, in den Waldumbau einbezogen.

Alle Umbaumaßnahmen sind mit intensiver und kontinuierlicher Bestandspflege (Vorratspflege) in kurzen Intervallen verbunden. Auf diese Weise werden zugleich die Grenzen von Generation zu Generation verwischt.

Im allgemeinen wird die Bestandspflege als eine Kombination von positiver und negativer Auslese aufgefaßt. Ziel ist die Erhaltung einer hinreichend großen Anzahl gesunder, mit gut ausgebildeten Kronen ausgestatteter, qualitativ hochwertiger und stabiler Bäume in allen Entwicklungsstadien, um auf möglichst kleinen naturräumlichen Einheiten ,einen Gleichgewichtszustand der Stoffproduktion zu erreichen. Dabei wird jeder einzelne Baum nach seiner eigenen Form und nach seiner Funktion im Bestand bewertet. Aus diesem Wechselverhältnis zwischen Baum und Bestand folgt, daß die Kriterien für die Entnahme von Bäumen relativ sind und keinen Schematismus zulassen. Das Auszeichnen der zu entnehmenden Bäume ist eine zentrale waldbauliche Aufgabe. Sie darf nur von sachkundigen Personen ausgeführt werden.

Jede Baumentnahme soll zu einer Verbesserung des Wald bestandes hinsichtlich Arten-, Raum- und Altersstruktur sowie der damit im Zusammenhang stehenden Produktivität, Qualität und Stabilität führen.

Naturnahe Waldwirtschaft und Maschineneinsatz schließen einander nicht aus. Da flächiges Befahren der Bestände abgelehnt werden muß, ist eine an die Geländeform angepaßte intensive Feinerschließung der Bestände zur Ermöglichung boden- und bestandsschonender Zielbaumnutzungen unumgänglich.

Im Interesse der Stetigkeit des Waldökosystems ist seiner Verjüngung besondere Aufmerksamkeit zu schenken. Starke Verlichtungen und große Blößen beeinträchtigen das angestrebte dynamische Gleichgewicht. Unzureichende Naturverjüngung erfordert eine angemessene Kunstverjüngung (Saat und Pflanzung).

Überwiegend werdenBestände mit einem hohen Anteil von Baumarten und autochthonen Rassen der jeweils natürlichen Waldgesellschaft angestrebt. Fremdländische Baumarten werden in den Waldumbau einbezogen, wenn sie ökologisch und ökonomisch günstig zu bewerten sind (standortgemäß, soziologisch verträglich, in vertikale Strukturen einfügsam, natürlich verjüngbar, produktiv und risikoarm).

Wildschäden sind eines der Haupthindernisse rationeller Waldwirtschaft. Die Schalenwildbestände müssen auf ein Niveau reduziert werden, bei dem die Hauptbaumarten der auf dem betreffenden Standort natürlichen Waldgesellschaft sich in der Regel ohne Schutzmaßnahmen verjüngen lassen und Folgeschäden unbedeutend bleiben. Dabei wird eingeräumt, daß die Realisierung dieser Zielstellung einer Übergangszeit bedarf.

Für eine nachhaltige Waldwirtschaft ist die Verringerung der Immissionen sowie der Wald inanspruchnahme durch Siedlung, Wirtschaft und Verkehr unerläßlich.

Bei der waldbau lichen Planung wird an jedem konkreten Bestand eine Potential-, Zustands-, Funktions- und Zielbestimmung vorgenommen. Das Bestandsziel wird dann unter Berücksichtigung von Naturpotential, aktuellem Zustand, Funktionshierarchie und Bewirtschaftungsaufwand festgelegt. Dieses konsequent auf den jeweiligen Standort und den darauf stockenden Bestand zugeschnittene Vorgehen soll schablonenhaftes Vorgehen ausschließen und sachgerechte Entscheidungen gewährleisten.

Der Erfolg der von der ANW propagierten Form der Waldbewirtschaftung und mit ihm die ökologische Nachhaltigkeit sollen mit Stichprobenverfahren, die auf dem Prinzip der Kontrollmethode beruhen, geprüft sowie vergleichbar gemacht werden. Dabei sind neben den bisher üblichen ertragskundlichen Daten auch qualitative und waldökologische Parameter zu erfassen. Durch enge Zusammenarbeit der Ausführungs- und Kontrollinstanzen soll eine permanente Rückkoppelung erreicht und der Waldbau zur Ökotechnologie entwickelt werden. In der Übergangszeit erscheinen die herkömmlichen Inventuren noch unverzichtbar.

Die Kategorien Umtriebszeit, Altersklasse, Vor- und Endnutzung verlieren mit dem Fortgang des Wald umbaus an Bedeutung. Trotzdem kann man nicht sofort auf sie verzichten, weil sie für die Beschreibung der vorhandenen Schlagwälder und der in ihnen angewandten Bewirtschaftungsverfahren noch längere Zeit erforderlich sind. Die Kategorien Raum und Zeit, in denen sich auch die Lebensprozesse naturgemäßer Wälder vollziehen, erhalten beim schlagfreien System einen neuen Inhalt. Dieser ergibt sich aus der Abkehr vom mechanischen Raum-Zeit-Gefüge des Altersklassenwaldes und der Hinwendung zu einer naturräumlichen Waldeinteilung und naturzeitlichen, d.h. die unterschiedlichen Entwicklungsgeschwindigkeiten der Baumarten und Baumindividuen berücksichtigenden Waldbehandlung.
Ein Ausdruck der letzteren ist u.a. die Zielstärkenutzung.

Aus ökologischen und ökonomischen Gründen muß mit dem sich über Jahrzehnte erstreckenden Umbau der sächsischen Wälder auch die natürliche Bodenfruchtbarkeit (Streuzusammensetzung, Streuabbau und Humusbildung, Stoffkreisläufe) wieder hergestellt und der Biomassevorrat erhöht werden. Das erfolgt durch Erhalt von Streu, Feinreisig und anderen nicht der planmäßigen Holznutzung unterliegenden organischen Substanzen in den Beständen sowie eine unter dem Zuwachs liegende Nutzungshöhe.

Bei allen waldbaulichen Maßnahmen sind die Belange des Biotop- und Artenschutzes zu beachten. Große, den potentiellen natürlichen Waldgesellschaften angemessene Artendiversität wird angestrebt. Lebensräume biozönotisch bedeutungsvoller Spezies sollen erhalten oder wieder geschaffen werden (Totholz, Sukzessionsflächen, Feuchtgebiete, Trockenrasen, Waldränder). Das Ausscheiden unbewirtschafteter Naturwaldzellen als Lehr- und Forschungsobjekte wird gefordert. Enge Zusammenarbeit von Waldbau und Naturschutz sind ein grundsätzliches Anliegen der ANW.

Noch immer sind viele sächsische Forstleute durch ihre Ausbildung und bisherige Tätigkeit vom Denken in Kategorien der schlagweisen Waldbewirtschaftung geprägt. Mit ihnen will die ANW ein sachliches Gespräch vor Ort und einen offenen Disput über den Inhalt der von ihr vertretenen Waldbaurichtung führen. Dabei kommt den Exkursionen in Beispielrevieren eine besondere Bedeutung zu.

Mit den vorliegenden „Grundsätzen“ werden die Auffassungen und Anliegen der ANW Sachsen aus der heutigen Sicht dargelegt. Sie sind nicht als unveränderliche Dogmen sondern Empfehlungen, die in zahlreichen Passagen sicherlich noch eines Reifeprozesses bedürfen, aufzufassen.

Die ANW Sachsen ließ sich bei der Formulierung ihrer Grundsätze von dem Streben leiten, zur Naturbewahrung beizutragen und in die Zukunft zu wirken.

Der Vorstand der Landesgruppe Sachsen
im März 1993

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