Gründungsaufruf von 1950

Arbeitsgemeinschaft „Naturgemäße Waldwirtschaft“

Die unten verzeichneten Vertreter von Wissenschaft und Praxis lassen nachstehenden Aufruf ergehen:

Forstwissenschaft und Forstwirtschaft stehen an einem Wendepunkt der Entwicklung. Vieles, was vor wenigen Jahren nicht oder kaum bestrittenes Gemeingut im forstlichen Denken war, hat sich aus der Summe der seither gewonnenen Erfahrungen und Erkenntnisse heraus als fraglich oder falsch erwiesen.

Die kritische Lage sei an wenigen Beispielen erläutert:

Die Fichtenreinbestandswirtschaft hat trotz eines ausgeklügelten Systems des Bestockungs- und Traufschutzes keine befriedigende Sicherung gegen Sturm zu bringen vermocht.

Der Übergang zu reinen Nadelholzbeständen hat das biologische Gleichgewicht des Waldes zerstört und der Ausbreitung und Durchschlagskraft tierischer und pflanzlicher Schädlinge in einem Umfang Vorschub geleistet, welcher jede Betriebssicherheit gefährdet, die Grundlagen der planmäßigen Wirtschaft zerstört und zu laufenden hohen Unkosten und Zuwachsverlusten Anlaß gibt.

Unter Herrschaft der Reinbestandsidee und der Betriebsform des Altersklassenwaldes ist die Bodenflora des Waldes verarmt und wird die Produktionsgrundlage, der Waldboden, in gefahrdrohendem Umfang in Mitleidenschaft gezogen. In nicht wenigen Gebieten droht das Ende einer nachhaltigen Wirtschaft überhaupt.

Das Leistungsvermögen der Waldstandorte wird durch die Produktions- und Nutzungsmethoden des schlagweisen Betriebes nur unvollkommen ausgenutzt.

Die Aufrechterhaltung schematischer Ordnungsprinzipien erfordert laufend ganz erhebliche Zuwachsopfer.

Nach dem schweren Aderlaß, dem der Wald in der jüngsten Vergangenheit ausgesetzt war, bedarf es aller Anstrengungen, das Verlorene wieder aufzuholen. Über der an sich wohl vordringlichen Aufgabe der Wiederbestockung der umfangreichen Kahlflächen darf die Arbeit an den noch verbliebenen Holzbeständen nicht so stark in den Hintergrund treten, wie es heute zum Teil den Anschein hat. Denn über die Leistungsmöglichkeiten des Waldes in den nächsten Jahrzehnten entscheidet nicht die Intensität der gegenwärtigen Aufforstung, sondern nur die Art und Weise, wie mit dem noch stehenden Holzvorrat gewirtschaftet wird.

Wir sind der wohlbegründeten Überzeugung, daß bei dieser Aufgabe neue Wege beschritten werden müssen, daß wir uns ganz bewußt von den bisherigen Auffassungen, Vorstellungen und Begriffen, wie sie der schlagweise Hochwald mit seinen Betriebssystemen gezeitigt hat, lösen müssen. Wir brauchen für unsere allererste Aufgabe, nämlich die einer nachhaltigen optimalen Holzproduktion, eine Grundauffassung vom Walde, die in erster Linie biologisch und erst in zweiter Linie technisch orientiert ist. Von dieser Auffassung aus werden neue Begriffe und Methoden vor allem für Waldbau und Forsteinrichtung zu entwickeln sein; manche Vorarbeit dazu ist bereits getan.

Wir sind weit davon entfernt, ein „Zurück zur Natur“ d.h. zum Urwald zu fordern. Wir sehen aber größte Gefahr nicht nur für die Nutzleistung des Waldes, wenn in der bisherigen Weise weitergewirtschaftet wird. Denn es hat sich gezeigt, daß der heutige Wirtschaftswald nur in völlig unzureichender Weise die Aufgaben zu erfüllen vermag, die man gemeinhin unter dem Begriff „Wohlfahrtswirkungen des Waldes und Landschaftsschutz“ zusammenfaßt. Auch dafür sind wir Waldbesitzer und Forstleute verantwortlich; wir wollen daher unsere ganze Tätigkeit nicht allein unter dem engen ökonomischen Gesichtswinkel sehen.

Was wir fordern ist in der Bezeichnung „Naturgemäße Waldwirtschaft“ zusammengefaßt. Darin soll zum Ausdruck kommen, daß wir Wirtschaft unter dauernder Beachtung der Naturbedingtheit des Waldgeschehens und unter unbedingter Wahrung der biologischen Nachhaltigkeit treiben wollen. Dazu ist Voraussetzung die grundsätzliche Abkehr von der Altersklassenordnung im Walde. Die Nachhaltigkeitsprüfung soll auf der Grundlage der Vorrats- und Zuwachskontrolle erfolgen. An vielen bereits vorhandenen Beispielen eines naturgemäßen Wirtschaftswaldes erkennen wir die Richtigkeit unserer Forderungen.

Die Aufgabe der Umstellung kann nicht von heute auf morgen gelöst werden, sie kann vor allem nicht generell kurzfristig angeordnet werden. Was wir aber sofort brauchen, das ist die Einrichtung von Beispielsbetrieben kleineren und größeren Umfanges, in denen nach den angedeuteten Grundsätzen unter den verschiedensten Standorts- und Bestockungsverhältnissen die Wege und Methoden zu erproben sind, die zu einer naturgemäßen Waldaufbauform, zu gesteigerter Leistung und einer erhöhten Betriebssicherheit führen. Die vorhandenen und neu entstehenden Beispielsbetriebe sollen uns auch aus dem fruchtlosen Theoretisieren herausführen.

Zur Erreichung dieses Zieles setzt sich die Arbeitsgemeinschaft „Naturgemäße Waldwirtschaft“ voll und ganz ein. Es ist beabsichtigt, durch regelmäßige Zusammenkünfte eine Aussprache über die einzuschlagende waldbauliche Richtung zu ermöglichen, durch Besuch von Forstbetrieben, welche in dem angestrebten Sinn bewirtschaftet werden, den Erfahrungsaustausch zu fördern und außerdem in der Fachpresse durch geeignete Veröffentlichungen aufklärend und für den Fortschritt werbend zu wirken. An die Forstverwaltungen der öffentlichen und privaten Hand richten wir die Bitte, die Einrichtung von Beispielsbeständen und -betrieben nach dem Kontrollverfahren, überall wo die Voraussetzungen dafür gegeben sind, rasch und in großzügiger Weise zu fördern.

Waldbesitzer und Fachgenossen, die zur tatkräftigen Mitarbeit an den dargelegten Zielen und Aufgaben bereit sind, werden hiermit aufgefordert, unserer Arbeitsgemeinschaft beizutreten.

Unterzeichner:

Bayer, L. Bodenmais
Berger, H. Oettingen
Graf Bernadotte, L. Mainau
Blanckmeister, Dr. J. Dresden
Dannecker, Dr. Stuttgart
Klotz, K. Zwiesel-Ost
Kraus, Dr. G. München
Krutzsch, H. Ruhla
Loetsch, Dr.- Ing. Wachendorf
Mann, Sarstedt
Melzer, W. Dresden von Ow, Dr. München
Pfeilsticker, Langenbrand
Prodan, Dr. M. Freiburg i.Br.
Strobel, Hinterlintal
Thomas, H. Meschede
Volk, H. Erdmannshausen
Weck, Dr. J. Reinbek
Witzgall, L. Kürnach
Wobst, Dr.-Ing. W. Seesen
Wohlfahrt, Dr. Neustadt

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